©Matti Kaiser

Frische Beats & Remmidemmi – die neue Compilation des JazzLab

Fast zwei Jahre Pandemie, unzählige abgesagte Shows und ein nach wie vor unsicherer Kulturmarkt lassen nichts Gutes für ein kleines unabhängiges Kollektiv erahnen, das gleichermaßen als Label und Konzertveranstalter agiert.  Anders das JazzLab: Auf der neuen Compilation nimmt sich das Kollektiv Zeit, um den eigenen Sound zu erforschen. Und der klingt erstaunlich frisch, tanzbar und voller aufregender Ideen. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Matti Kaiser hat Philipp Püschel vom JazzLab zum Interview getroffen:

Mal ehrlich – wie übersteht man eine so lange Zeit als kleines und unabhängiges Kollektiv, das sich vor allem durch eine regelmäßige Konzertreihe auszeichnet?

Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, auch ohne Live-Betrieb mit unserem Publikum zu kommunizieren, und sind so auf die Idee mit der Compilation gekommen. Für uns ist es außerdem eine Chance zu schauen, wo wir momentan stehen, wie wir klingen und was wir als JazzLab sein wollen. Und es ist an der Zeit zu zeigen, dass in Hamburg wirklich viel geht. Hier fehlt es bisweilen daran, dass die Leute ihren Sound nach außen und über die Stadtgrenzen hinaus tragen. Vielleicht ist das dem hanseatischen Understatement geschuldet.

Wie klingt denn das JazzLab im Jahr 2022?

Wir versuchen musikalische Klischees zu vermeiden. Der Begriff “Jazz” ist dabei als Platzhalter zu verstehen, der einen Zustand beschreibt, in dem alles passieren kann. Bei uns steht nicht umsonst “Labor” im Namen.

Gibt es etwas, das die Bands verbindet?

Alle Bands verspüren den Drang, ihren eigenen Sound zu reflektieren. Bei uns fragt sich jede:r Musiker:in, wie die eigenen Sachen eigentlich wahrgenommen werden, ob und was sie für einen gesellschaftlichen Einfluss haben. Es geht eben schon allen darum, dass es Publikum für die eigene Musik gibt. Wenn keiner deine Musik mag, dann muss man bereit sein, sich selbst zu hinterfragen. Es geht dabei nicht darum, keine authentische Musik mehr zu machen. Sondern vielmehr, sich Zeit für die Reflektion seines eigenen Schaffens zu nehmen.

Feedbackt ihr so etwas als Kollektiv?

Mal ehrlich, bei 30 Leuten, zwei Jahren Pandemie und unterschiedlichen Wohnorten wird der kollektivistische Gedanke bisweilen doch eher zur Utopie. Nichtsdestotrotz ist es eine Vision, an der wir stetig weiterarbeiten. Meist passiert das jedoch innerhalb der Bands. Es ist jedoch schon so, dass wir als JazzLab Marke etwas mit auf den Weg geben, was die Bands inspiriert und mit dem sie sich identifizieren können.

Mir ist beim Reinhören aufgefallen, dass viele der Stücke elektronische Momente und sehr unterschiedliche Stilelemente beinhalten. Meinst Du, dass es bei den Bands eine Rückbesinnung auf die große Fusion-Zeit gibt?

In den 1980ern war es meist Rock- und Weltmusik, die einen massiven Einfluss hatten. Heute ist es elektronische Musik und Hip-Hop. Die Herangehensweise ist jedoch ähnlich. Man nimmt verschiedene Versatzstücke aus den jeweiligen Genres. Das Tanzbare aus der elektronischen Musik, den Druck der Rockmusik und den Geruch der Straße aus dem Hip-Hop. Letzteres hat früher der Jazz mitgebracht, das hat er heute größtenteils verloren. Wir wollen das aber nicht zu akademisch betrachten, sondern vielmehr einem Gefühl der Neugier und Authentizität folgen.

Was macht für dich “modernen” Jazz aus?

Jede:r definiert das für sich anders. Für mich ist die Londoner Szene die prägendste Strömung momentan. Dort findet die Suche nach dem Sound einer afroamerikanischen Kultur statt, der nicht nur im Jazz, Afrobeat oder Blues zuhause ist, sondern auch im Hip-Hop und der elektronischen Musik. Es geht um Identität und um die Frage “Wer bin ich?” – also um echt existenzielle Sachen. Deswegen spielen die Leute dort auch buchstäblich um ihr Leben und bringen den Jazz zurück auf die Straße. Das gibt es in Deutschland einfach kaum.

Gibt es auf dem Sampler Songs, die dir besonders am Herzen liegen?

Alle Titel sind musikalisch wirklich toll, aber die zwei Titel von KUR sind bei mir echt hängengeblieben. Adrian Hanack und Silvan Strauss sind dafür zwei Stunden in ein Studio gegangen, haben improvisiert, mitgeschnitten und daraus kleine Versatzstücke für den Sampler ausgewählt. Ich finde die Arbeitsweise und das Ergebnis faszinierend. Und UFA Palava hat zwei Songs von We Don’t Suck, We Blow geremixt – auch irre gut.

Was hat es denn mit “Nothing Compares to You” auf sich?

Im Original übrigens von Prince. Das musste einfach drauf! Die Recording Session war eigentlich schon vorbei, aber die Jungs von We Don’t Suck, We Blow fanden den Song so toll, dass sie ihn doch noch für die Compilation aufgenommen haben.

Wie geht es dieses Jahr weiter?

Am Freitag kommt die Compilation auf den Markt und kann in allen Hamburger Plattenläden und unserem Online-Shop gekauft werden. Außerdem wollen wir zurück in den Club. Momentan warten wir auf Förderzusagen, aber ich bin jetzt mal ganz optimistisch und sage: Ab Oktober sind wieder Clubkonzerte im Volt geplant!

JazzLab The Compilation – Im Handel ab dem 24.6. oder online unter:
https://orcd.co/jazzlab-compilation

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