©Ilona Henne

Genies, Phoenixe & Unwetter – das Elbjazz Festival gestern und heute

Am 3. und 4. Juni findet erstmals seit 2019 wieder ein Elbjazz Festival mit Publikum statt. JM-Autor Nabil Atassi hat dort mehrmals moderiert und erinnert an unvergessene Momente und Höhepunkte vergangener Festival-Ausgaben. Dazu der Blick auf das Line-up der ‘22er-Ausgabe und die unvermeidliche Frage: Ist das noch Jazz?

Endlich. Nach zwei Jahren Pandemie mit zwei gefühlt kulturfreien Sommern, nach etlichen Absagen und Verlegungen, geht es wieder los. Endlich wieder Elbjazz! Eigentlich feiert das Festival mit der gigantischen Kulisse zwischen Ozeanriesen, Schiffscontainern und Hafenkränen in diesem Jahr sein 10. Jubiläum. Genau genommen wurde das Jubiläum bei der digitalen Ausgabe im vergangenen Jahr gefeiert. Es braucht jedoch keinen runden Geburtstag, um festzustellen: Die Wiederaufnahme von Elbjazz nach der Pause ist alles andere als selbstverständlich. Die Veranstaltungsbranche hat während der Pandemie wie kaum eine zweite gelitten. Hört man sich einmal unter Veranstalter*innen um, mischt sich Euphorie über die Rückkehr von Festivals und Konzerten mit einer nach wie vor bestehenden Zurückhaltung beim Publikum. Das Elbjazz Festival lebt von seinem treuen Publikum, die Karten von 2020 haben ihre Gültigkeit behalten. Man steht also im Wort und so der Austragung nichts mehr im Wege.

Letztes Jahr gab es Elbjazz digital. Klingende Namen wie China Moses und The Notwist wurden digital gestreamt. Ein gelungenes Format zwar, aber richtig in unsere Herzen haben es diese digitalen Konzerte weder bei Elbjazz noch irgendwo sonst geschafft. Tatsächlich ist es also bereits drei Jahre her, dass Elbjazz zuletzt live stattfand. Da erinnert man sich gerne an Manu Katché, Joja Wendt und natürlich an Jamie Cullum, der sein energiegeladenes Gute-Laune-Set auch vor einem im Publikum befindlichen Hochzeitspaar performte, das sich das Festival mitsamt Hochzeitsgesellschaft als Location ausgesucht hatte – Gänsehaut. Zuvor gab es das Nachholkonzert des Michael Wollny Trios zu sehen, das auf der Höhe seines Könnens eine fein abgestimmte, wilde Mixtur aus Improvisationskultur und musikalischer Präzision zeigte. Grund für den nachgeholten Gig war ein schon fast legendäres Wetterereignis im Jahr zuvor.
2018 musste das Blohm + Voss-Gelände während des Konzerts von China Moses geräumt und das Festival unterbrochen werden. Ein geradezu episches Gewitter mit Starkregen hatte die triefend nassen Besucher*innen in eine eigens geöffnete Fertigungshalle als Notunterkunft getrieben. Als es Stunden später wieder losging, waren die meisten schon nach Hause gegangen. Wie Phoenix aus der Asche war Nils Landgren mit seiner roten Posaune aus dem Nebel auf der Hauptbühne aufgetaucht und tat sein Bestes, um die Verbliebenen zu entschädigen.

Überhaupt hat es Petrus oft nicht gut gemeint mit dem Festival – kalte Tage in Regenzeug gab es nicht nur 2015. Nach wie vor ist es ambitioniert, ein Draußen-Festival im Hamburger Hafen zu planen. Die Künstler*innen und die vielen Gäste blieben dem Festival treu, Auftritte von Kamasi Washington, Dee Dee Bridgewater, Julia Hülsmann, Ed Motta und anderen blieben nachhaltig im Gedächtnis. Viele Trends und Hypes der Zeit fanden bei Elbjazz ihren Ausdruck und prägten das Line-up. Unvergessen bleibt das Konzert von Chilly Gonzales 2013 in der Fischauktionshalle: die Interessierten passten nicht einmal ansatzweise hinein. Es folgte ein rhythmisches Klopfen an der Eingangspforte, das den Beat des Konzertes ausmachte und die Stimmung ordentlich aufheizte. Zum Schluss, als das selbsternannte „musical genius“ keine Zugabe mehr zu spielen bereit war, gab es Buhrufe aus der aufgebrachten Menge.
Überhaupt musste Elbjazz über organisatorische Schwierigkeiten, lange Strecken zwischen Spielstätten und noch längere Schlangen an den Barkassen erst seinen Weg finden. Und dann ist da die immerwährende Frage: Ist das eigentlich alles noch Jazz?

Schauen wir nach vorne. Am 3. und 4. Juni geht es wieder los und Elbjazz bleibt sich programmatisch treu. Einige Dauergäste, wie Nils Landgren, die NDR Bigband und auch die Münchner Acher-Brüder sind in diesem Jahr wieder dabei. Letztere kommen diesmal nicht mit ihrer Band The Notwist; Micha Acher tauscht Bass gegen Sousaphon und mischt mit dem Saxophonisten Johannes Enders und der Schlagzeuglegende Günter „Baby“ Sommer in der Hauptkirche St. Katharinen New Orleans-Klänge mit Free und Modern Jazz. In der Elbphilharmonie spielt der Norweger Matthias Eick eine Interpretation seines ECM-Albums „Ravensburg“ gemeinsam mit dem altehrwürdigen Norwegian Wind Ensemble. Weitere Höhepunkte des ersten Tages dürften die Konzerte von Jazzanova mit DJ Amir sein. Und natürlich Melody Gardot, die nun endlich bei Elbjazz auftritt und internationalen Glanz verbreiten wird.

Am Samstag wird dann zum achten Mal (pandemiebedingt mit einem Jahr Verspätung) der Hamburger Jazzpreis vergeben. Preisträger ist der Schlagzeuger Silvan Strauss. Er ist nicht nur in vielen frischen Hamburger Bands zu hören, sondern trägt auch selbst mit innovativen Sounds zur Weiterentwicklung des Jazz bei. Weitere Highlights am Samstag: Bowie-Saxophonist Donny McCaslin in der Schiffbauhalle und das Konzert der jungen US-Gitarristin Yasmin Williams. Traditionalisten werden sich an der Virtuosität von John McLaughlin & the 4th Dimension auf der Hauptbühne erfreuen und den Abend wohl auch mit dem gewohnten und geliebten Sound von Nils Landgrens Funk Unit beenden. Es wird also wieder spannend, am Pfingstwochenende bei Elbjazz 2021. Endlich.

www.elbjazz.de

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