©Rainer Haarmann

JazzBaltica-Gründer Rainer Haarmann – ein Leben mit Jazz und Kunst

Wie der Fußball im Jahr 2006 den Jazz lahmlegte, wie das Festival JazzBaltica entstand  und was er als Kulturreferent an der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR erlebte –  das erzählt Festival-Macher Rainer Haarmann in seinen Erinnerungen.

Rainer Haarmann befand sich in gruseliger Gesellschaft. „H. stammt aus einer kleinbürgerlichen Familie, welche mit dem gleichnamigen Gewaltverbrecher der zwanziger Jahre verwandt sein soll“, heißt es in dem Dossier (gemeint war der Massenmörder Fritz Haarmann). Und: „Es wird angenommen, dass es sich bei H. um einen Kundschafter des BND handelt“. Diese „komischen wie beängstigenden“ Sätze zitiert Rainer Haarmann aus seiner Stasi-Akte. Der erste Kulturreferent in der 1973 eröffneten Bonner Regierungsvertretung in Ost-Berlin war vor allem wegen seiner Kontakte zu DDR-Künstler*innen im Visier der Staatssicherheit. Haarmann lud die ostdeutsche Jazzelite mit Cracks wie Günter „Baby“ Sommer zu Empfängen ein. Er organisierte Ausstellungen und Konzerte mit, so die DDR-Tournee des Manfred Schoof Orchesters.

Der Sohn eines Landarztes studierte Jura, obwohl er sich eigentlich nur für die schönen Künste interessierte. Schon als Student veranstaltete Haarmann Konzerte; dabei freundete er sich mit einem jungen Bassisten an, der später als Gründer des Labels ECM berühmt werden sollte – Manfred Eicher. Der Jura-Abschluss ermöglichte Haarmann eine Karriere im Staatsdienst, auch im Kultusministerium von Schleswig-Holstein. „Eine unverzichtbare Stütze der Kulturpolitik der Landesregierung“, nannte ihn der dortige Ministerpräsident Björn Engholm, denn Haarmann erarbeitete 1991 in seinem Auftrag die Kulturinitiative „Ars-Baltica“. Das Aushängeschild: das JazzBaltica-Festival.

Wer dort alles in 21 Jahren unter Haarmanns Leitung aufgetreten ist, dokumentieren dutzende Fotos im neuen Buch „Vom Klang der Bilder“. Dexter Gordon, Max Roach, Dave Brubeck, Hank Jones (Foto) und Ornette Coleman pilgerten in die norddeutsche Provinz. Neben exzellenten Gagen lockte die romantische Lage des Veranstaltungsortes Schloss Salzau mit seiner „Konzertscheune“. In der fand am 30. Juni 2006 ein Ereignis statt, das unvergesslich bleibt: Weil an jenem Tag im WM-Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien antrat, übertrugen Techniker das Spiel auf den großen Bildschirm über der Bühne. Auch der Star des Festivals, Pat Metheny, schaute sich die dramatische Begegnung an, die Deutschland nach Elfmeterschießen gewann. Antonio Sanchez, Methenys Drummer mit lateinamerikanischen Wurzeln, begleitete jeden Torschuss mit einem Trommelwirbel. In Salzau improvisierten nicht nur die Musiker.

Heute ist das hochherrschaftliche Kulturzentrum verlassen. 2012 wurde JazzBaltica nach Niendorf verlegt, später an den Timmendorfer Strand. Nils Landgren ist der neue Festivalchef. Rainer Haarmann gründete nach seinen JazzBaltica-Jahren das Vinyl-Label „Edition Longplay“ und eine Reihe für Kunst und Musik. Seine Erinnerungen zeigen die Leidenschaft eines rastlosen Mannes, den Klänge und Bilder faszinieren.

Rainer Haarmann: Vom Klang der Bilder – Leben mit Jazz und Kunst. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 29,80 Euro

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