©Jörg Steinmetz

Romantisch und rätselhaft – Michael Wollny solo in der Elbphilharmonie

Michael Wollny hat sein Output einmal als „Gothic Music” bezeichnet – in Anlehnung an die „Gothic Novel“. Auf deutsch: Schauerroman. Der Leipziger Pianist mag es dunkel, romantisch, rätselhaft. Genre-Bezeichnungen werden hinfällig, versucht man das zu beschreiben, was Wollny seit nunmehr 20 Jahren in Duo-, Trio- oder Quartett-Besetzung aufnimmt. Ist das Klassik, Jazz oder Pop? Vermutlich von allem ein bisschen – und das, ohne gefällig zu werden. Wollny, 1978 in Schweinfurt geboren, ist damit sehr erfolgreich, seine Platten erreichen regelmäßig die Top50 der Charts, und auch die Kritik schätzt ihn: der Tagesspiegel nannte ihn den „innovativsten deutschen Jazzpianisten seiner Generation.“ Auch ganz alleine gibt es Michael Wollny: bereits im Januar wollte er sein „Mondenkind“, sein zweites Soloalbum, in der Hamburger Elbphilharmonie vorstellen.
Aus bekannten Gründen fiel das Konzert aus, und wird nun am 15. Oktober unter 2G-Bedingungen nachgeholt. Im Gespräch ist der Pianist, fast ganz in schwarz gekleidet, höflich und zugewandt, und legt immer wieder lange Denkpausen ein.

Michael, du zitierst im Booklet von „Mondenkind“ die Erinnerungen des als „einsamsten Menschen der Welt“ bezeichneten Michael Collins. Der Astronaut umkreiste mehr als 24 Stunden lang alleine den Mond. Währenddessen betrat Neil Armstrong den Himmelskörper als erster Mensch. Collins spricht von der Anspannung in seinem Raumschiff, aber auch von einem Hochgefühl. Wie erklärst du dir das?

Jeder kennt das: wenn der Druck sehr groß wird, wird man plötzlich ganz ruhig. Man kann nicht anders, als sich ganz zu erden und ist plötzlich ganz bei sich. Wenn Verzweiflung und Einsamkeit ein bestimmtes Gewicht erreichen, verwandelt eine körperliche Reaktion diese Gefühle in einen zufriedenen Moment. Weil das das einzige Greifbare ist. Das ist vegetativ, man kann es gar nicht kontrollieren. Collins‘ Situation, in einer kleinen Kapsel um etwas zu rotieren und dabei mit sich selbst in Einklang zu kommen, spricht stark zu mir.

Druck äußert sich oft in Form von Lampenfieber. Ich nehme an: du kennst das?

Das verliert man nicht. Die Anspannung ist notwendig, ich gehe nie routiniert auf die Bühne. Die Situation ist immer wieder eine Überforderung. Du gehst raus und beweist in anderthalb Stunden dein ganzes Sein. Alles andere wird unwichtig. Und daran gewöhnt man sich nie so ganz. Ich kann auch nicht bei jedem Konzert davon ausgehen, dass es eine Sternstunde wird. Dinge bekommen ihren Wert erst in ihrer Unverfügbarkeit, der Soziologe Hartmut Rosa hat darüber ein Buch geschrieben. Man strebt als Künstler immer nach einem Moment der Einheit mit sich und dem Material und dem Raum. Wenn das nicht passiert, kann Routine helfen. Das Spiel ist aber nicht, die Absicherung nach unten neu zu finden, sondern: wie sehr kann ich loslassen, um zu fliegen?

Große künstlerische Momente sind also selten. Aber ist das nicht die Erwartung des Publikums?

Natürlich. Vielleicht ist der Ausweg, sich so in der Kunst zu verlieren, dass alles andere klein wird, auch die Erwartungshaltung. Das Scheitern ist nicht mehr im Kopf, es geht nur um das Spielen. Musizieren ist ja etwas total Sinnliches und Haptisches, man kann es sogar riechen. Es ist ganz nah am Körper, und gar nicht kopfig. Gegenüber diesem Rauschhaften und Unbewussten steht das Vorbereiten und Verstehen.

Für diese Vorbereitung hattest du viel Zeit in den letzten anderthalb Jahren…

Deshalb ist diese Zeit für uns Musiker so schwierig gewesen. Weil da etwas in Imbalance geraten ist. Man braucht Zeit zum Nachdenken und Hinterfragen, aber es gibt immer den Moment, in dem man sich davon befreit – auf der Bühne. Und den gab es eben in diesem Jahr nicht. Der Bühnenrausch hat etwas reinigendes, aber es gibt jetzt dieses Übergewicht im Kopf. Zu viel nachdenken kann auch ungesund sein.

Was löst das Publikum in dir aus?

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nur dann den Mut habe, bestimmte Sachen zu tun, wenn es auf der Bühne vor einem Publikum stattfindet. Weil das der Moment ist, in dem Energie stattfindet. Diese Energie lässt sich schwer in Worte fassen. Es ist ungeplant und ist nur in einem einzigen Moment richtig gewesen. Das hat für mich etwas von Ekstase. Man spürt die Anwesenheit von etwas Drittem.

Michael Wollny – Elbphilharmonie Großer Saal, 15.10.2021, 20 Uhr
ACHTUNG: 2G – Zutritt nur für Geimpfte und Genesene.

 

 

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