©Jan Paersch

„Scheiss auf die Klicks!“ Ein Portrait von Krisz Kreuzer von The Jazz Eccentrics

Kaum jemand dürfte den Namen „The Jazz Eccentrics“ kennen. Das wird sich ändern: denn das (mindestens) siebenköpfige Kollektiv hat auf dem Jazz City Hamburg-Sampler vor kurzem den Song „Alive & I“ veröffentlicht, eine stilvolle Hommage an den Old-School-HipHop/Jazz der frühen Neunziger. Produzent und Initiator Krisz Kreuzer über Vorbilder, berühmte US-Rapper und warum er einen Arschtritt gebraucht hat.

Der Hinweis war unmissverständlich: immer dem Bass folgen. Also hinein in den Fahrstuhl, bis in den vierten Stock des Flakturm IV auf St. Pauli – besser bekannt als Bunker an der Feldstraße. Auch dort, hinter dreieinhalb Meter dicken Wänden, prangt das Schild „Bass“ – hier muss das Studio von Krisz Kreuzer sein.

Krisz, geboren 1962, lebt seit mehr als 25 Jahren in Hamburg; Musik macht er schon sehr viel länger. Als Münsteraner Teenie brachte er sich Gitarre und Blues-Harmonika bei und eiferte seinen Helden Muddy Waters und Son House nach.
„Ich bin Autodidakt. Die Studiomusiker, die hier reinkommen, können alle viel mehr als ich. Aber ich hab die besseren Gitarren!“ Krisz, schmales Gesicht, kahl rasierter Schädel, ganz in schwarz gekleidet, lacht und führt durch die Räume seines Bass-Studios. Hier wird Werbe- und Film-Musik aufgenommen, hier werden Kino-Soundtracks gemastert und Audio Designs für Fernsehsender erstellt. Und natürlich Bands aufgenommen.

„Rick Rubin – hat der Rückenschmerzen oder ist der bekifft?“

Eines seiner Vorbilder: der legendäre US-Produzent Rick Rubin (Beastie Boys, Red Hot Chili Peppers, Johnny Cash). „Bei den Chili Peppers lag Rubin eigentlich nur auf dem Sofa rum. Ich fand das gut. Da hat man sich gefragt: hat der Rückenschmerzen oder ist der bekifft? Aber der hat zugehört. Das macht einen guten Produzenten aus. Sich zurückhalten. Dinge laufen lassen.“

Krisz bezeichnet sich als Grenzgänger, immer daran interessiert, verschiedene Genres zusammen zu bringen. Inspiriert von einem Jamaika-Aufenthalt bastelt er mit Freunden ein Dub-Soundsystem. In Hamburg gründet er 2005 das Projekt Brixtonboogie, das klassischen Blues mit Rock, Soul und elektronischer Musik verband.
„Blues? Das kann ich. Wir haben damals für irgendjemanden einen Beat produziert. Und dann habe ich John Lee Hooker auf Vinyl dazugespielt. Themen vermischen und sie wieder aufs Tableau bringen – ist doch geil!“

Ein afroamerikanischer Sänger aus New Orleans, ein Rapper aus Las Vegas, dazu die Deutschen: Brixtonboogie war von Anfang an ein internationales Projekt. Das aufgrund von Erkrankungen verschiedener Mitglieder vor einigen Jahren ein jähes Ende fand.
Doch das Jazz Sampler-Projekt des Jazzbüros hat Krisz Kreuzer Anfang 2021 an eine andere, fast vergessene Band erinnert. Die Geschichte der Jazz Eccentrics reicht bis ins Münster der Neunziger Jahre zurück.
„Ein Club-Betreiber beauftragte uns, was mit Jazz zu machen. So kamen wir auf den Namen Jazz Eccentrics. Weil wir alles spielen, House, HipHop, Blues. Die Idee war: wir sind im Club, also machen wir Jazz zum Tanzen; das hat gut funktioniert, aber wir hatten dann das Gefühl, es nicht steigern zu können. Erst Jahre später tauchte der Name wieder auf, als wir ein paar Jazz Beats machten. Wir haben einfach rumprobiert. Der Auftrag für den Sampler war dann ein guter Arschtritt für uns. Der hat uns dazu gebracht, uns zu fokussieren.“

Mit Michi Pahlich (Schlagzeug) und DJ Suro (Turntables, ehemals bei Dendemann) sind zwei Brixtonboogie-Veteranen dabei, dazu Oliver Schmitt (Gitarre, Bass). „Olli und ich sind die Chef-Einpeitscher der Eccentrics“, grinst Krisz. Ihr Beitrag für den Jazz City Hamburg Sampler: „Alive & I“, eine geschmackssichere Old-School-Nummer. Mächtige Breakbeats, satter E-Bass, ein verfremdetes Piano-Loop. Dazu Vocal-Samples und ein entspannt flowender Rap vom Frankfurter Icy Bro. Weitere Mitstreiter*innen sind Sängerin Mascha Litterscheid und Bassist Achim Seifert, zusätzliche Gäste ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Die Ästhetik ist an den HipHop und Jazz vergangener Zeiten angelehnt: A Tribe Called Quest und Jazzmatazz standen Pate.

„Scheiß auf die Klicks, das sind sowieso alles nur Algorithmen.“

Krisz: „Es klingt ein bisschen nach den Neunzigern, aber das kommt ja wieder. Du kannst das Rad nicht neu erfinden. Mit Rap und gesampleten Piano bist du schon einer gewissen Stilistik verhaftet.“
Und dann legt der Bandchef los. Krisz erzählt von einem Treffen mit dem 2010 verstorbenen Jazzmatazz-Mastermind Guru und dessen gigantischer Sample-Sammlung – und schwärmt im selben Atemzug von Nina Simone. Nicht zu vergessen: ein zwischen Genie und Wahnsinn oszillierender US-Rapper.
„Bei Kanye West ist soviel Jazz drin! Das hat diesen gewissen Vibe. Wie damals bei Ornette Coleman – das war einfach was Neues. Das war Krach-Musik – aber da steckt was dahinter. Bei Kanye ist das ähnlich, da werden Strukturen aufgelöst! Das ist für mich Jazz.“

Krisz Kreuzer ist zu lange im Business, um sich zu sorgen, ob er mit seinen Meinungen aneckt. Die Jazz Eccentrics seien eigentlich noch gar nicht bereit gewesen – aber wichtig war das Machen. Auf „Alive & I“ werden weitere Stücke folgen. Wo kann es mit der Band noch hingehen? Haben ihre Songs gar das Potential zu Streaming-Hits? Krisz zuckt mit den Schultern.
„Scheiß auf die Klicks, das sind sowieso alles nur Algorithmen. Aber: vielleicht kann man damit auf Tour gehen. Wäre doch geil, wenn die Leute dazu tanzen, oder?“

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