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„Spenden darf nie optional sein“ – pro und contra Live-Streaming

Noch mindestens bis Ende des Monats liegt die Kulturbranche brach: Lockdown, Teil zwei. Schon füllen sich die digitalen Kanäle erneut mit Live-Streams aus Konzerthäusern, Clubs und Theatersälen. Dabei ist die kostenlose Verbreitung von Kulturgut umstritten. Philipp Püschel hat sich auf Stimmenfang in der Hamburger Musikszene begeben.

„Wir wollen keine Shows mehr absagen, das ist wirtschaftlich nicht mehr tragbar. Die Bands wollen spielen und wir wollen die Kultur am Leben halten,“ meint Tim Peterding vom Knust. „Durch verschiedene Förderungen haben wir die Möglichkeit, das November-Programm weitestgehend aufrecht zu erhalten und übertragen für alle, die ein Ticket gekauft haben, die Konzerte exklusiv ins Netz. Keine Kultur for Free, sondern Pay-Per-Stream lautet unser Fahrplan für die nächste Zeit.“

Die Frage nach digitalen Alternativen in Corona-Zeiten spaltet die Szene. Für die einen ist es der notwendige Weg, regelmäßige Lebenszeichen von sich zu geben. Dem künstlerischen Output ein gewisses Ventil zu bieten und zumindest ein wenig mit dem Publikum zu interagieren. Künstler*innen aller Genres laden per Facebook, Instagram, YouTube oder Twitch zum Konzert aus der WG-Küche, Bands streamen aus menschenleeren Szene-Clubs, Theater verlegen ihre Premieren ins Netz.

Andere Kulturschaffende begegnen dem digitale Raum mit Skepsis. Er stehe mit der unbegrenzten Verfügbarkeit für den Ausverkauf von Kunst, ein kostenloser Zugriff befeuere die Bedeutungslosigkeit von Musik.

„Generell kann Live-Streaming für Bands schon spannend sein, da man Leute erreichen kann, die man sonst nicht erreicht“, gibt die Saxophonistin Stephanie Lottermoser zu bedenken. „Doch die Position darf meiner Meinung nach nie sein, dass es prinzipiell umsonst ist oder man optional „spenden kann“. Welcher Bereich außerhalb der Kultur macht das so? Dadurch machen wir uns zu klein. Derzeit mag es ein Kompromiss sein, Kunst alternativ im Netz zu präsentieren. Doch wir können nicht einerseits Kultur kostenlos anbieten und andererseits finanzielle Unterstützung einfordern.“

Auch das Birdland veranstaltet weiterhin Konzerte, per Live-Stream aus dem Kellerclub an der Gärtnerstraße: „Für uns ist das ein Versuchsfeld. Wir arbeiten schon länger an der Idee, unseren Club mit der geeigneten Technik auszustatten, um die Konzerte in guter Audio- und Videoqualität live zu übertragen. Der Lockdown zwingt uns quasi dazu, dieses Vorhaben nun umzusetzen. Mit Geld verdienen hat das eher nix zu tun, doch die Konzerte absagen wollten weder wir, noch die Bands. Wir wollen im Gespräch bleiben und ein Zeichen setzen, dass hier etwas passiert“, meint Club-Betreiber Julius Horn.

Für Gabriel Coburger, der die „Fat Jazz“-Reihe im Yoko kuratiert, steht ein anderer Faktor im Vordergrund: „Wir rechnen damit, dass der Lockdown noch bis April weitergeht. Daher wollen wir unsere Konzertreihe nun mit Hamburger Bands fortsetzen und haben durch Live-Streams die Möglichkeit, sehr gutes Promo-Material zu erstellen. Die Bands erhalten ihre gewöhnliche Gage und wir können weiterhin ein Signal senden. Das ist ein doppelter Nutzen.“

In einem Punkt sind sich alle Akteure einig: Die Clubs müssen so schnell wie möglich wieder öffnen. Denn der Jazz lebt nicht nur vom Austausch auf der Bühne, sondern auch von der Interaktion mit dem Publikum. Und das kann kein Livestream ersetzen.

STREAMING-TERMINE

Fat Jazz im Yoko Club. Jeden Mittwoch ab 20 Uhr. Spenden hier.
youtube.com/user/primole

Birdland. Nächster Termin: 27.11., 20:30 Uhr
Youtube-Channel.
Soli-Tickets hier

Knust. Doppelzimmer, 26.11.

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