©Philipp Püschel
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Die Plattenrille am Grindel – Der Alleskönner unter den Plattenläden

Die nächste Reise mit JAZZ MOVES Hamburg durch die Plattenläden der Stadt führt uns erstmals ins Grindelviertel. Im Herzen des ehemals jüdischen Viertels nahe der Universität und gegenüber der Joseph-Carlebach-Schule wartet in einem Hinterhof die „Plattenrille“ auf hungrige Vinyl-LiebhaberInnen.

Wer den Laden betritt, wird von einer Masse an Vinyl erschlagen. Hier sind etwa 200.000 Schallplatten beheimatet, größtenteils Second-Hand-Ware. Kaum ein anderer Hamburger Plattenladen bietet eine solche Auswahl. Durch die prallgefüllten Regalwände und den Verkaufstisch in der Mitte des weitläufigen Raumes zieht beim Betreten des Ladens die ein oder andere Szene aus dem Film „High Fidelity“ vor dem inneren Auge vorbei.

Seit Anfang des Jahres wird die Plattenrille von Robert Hütteroth, Christopher Zielske und Sebastian Prinz geleitet. Nur schweren Herzens konnten sich die Gründer und Betreiber Paul Löffler und Herbert Sembritzki nach knapp 40 Jahren vom Laden trennen. Eine große Klassik-Abteilung, eine musikalische Reise quer durch die Jazz-Geschichte, Rock- und Pop-Hits, Country- und Folk-Platten, Kuriositäten aus aller Welt oder „Gute und schlechte Laune“-Lieferanten im Schlagergewand: Die Plattenrille ist ein Alleskönner. 

Sie bietet seit 1981 ein Vollsortiment, genreübergreifend, ohne sich nur auf ein bestimmtes Jahrzehnt zu fokussieren, wie andere Plattenläden es teilweise pflegen. „Wir bieten alles an. Und das wird auch so bleiben. Wer den Eindruck hat, es sei alles abgegrast, der täuscht sich. Zwischen der Vielzahl an schwarzem Gold schlummert immer die ein oder andere Rarität, die darauf wartet, entdeckt zu werden“ erklärt Robert, während im Hintergrund die Reinigungsmaschine einem jahrzehntealten Vinyl lautstark den Staub aus den Rillen wäscht.
So vielfältig das Sortiment, so bunt die Kundschaft. So ergänzen und vervollständigen eine Vielzahl an leidenschaftlichen Sammlern und Stammkunden ihre Sammlung. Aber auch Jugendliche, die auf der Suche nach ihren ersten Schallplatten gemeinsam mit ihren Eltern bei der Plattenrille fündig werden. Und dann gibt es noch DJs, die in der Masse an gebrauchtem Vinyl stöbern, auf der Suche nach noch Unentdecktem. 

Eine Schlager-Single aus den 70ern, eine bestimmte Queen-Pressung oder eine fast vergessene ECM-Auflage – Manchmal rufen Kunden auf der Suche nach einer ganz bestimmten Platte an. Dann ist Fleißarbeit gefragt und die Arbeit für das Plattenrille-Team beginnt. Denn eine analoge Musikauswahl bedeutet für Robert, Christopher und Sebastian auch eine analoge Arbeitsweise. Alles wird händisch und alphabetisch geordnet – kein digitaler Katalog mit Computerbeihilfe, sondern Handarbeit. „Kleinteilig, aber charmant“, gibt Robert zu. Und genau dieser Service macht die Plattenrille aus.

Ein Ausflug ins Grindelviertel lohnt. Für jeden mit bunten Musikgeschmack oder für Musikliebhaber, die sich manchmal nicht so richtig entscheiden können. Oder man nimmt gleich seine Freunde oder Familie mit und jeder kann sich in seine eigene Stöberecke verkriechen. 

Das Plattenrille-Team empfiehlt:

Barner16 Komplett Zwei: „Tolle, unterstützenswerte Hamburger Initiative! Und die Platte fasst alle Barner-Projekte schön zusammen!“ (Christopher Zielske)

Joachim-Ernst Behrendt – „Was ist Jazz?“ : „Ein Beispiel für etwas obskuren Kram, den man immer wieder in den Kisten und Regalen bei uns findet. Und genau das macht den Laden für mich aus.“ (Robert Hütteroth)

Mehr Infos auf der Website der Plattenrille oder auf Facebook.

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