©Tim Ohnsorge

Ein Kubaner an der Elbe – Leandro Saint Hill und sein neues Album

Vor mehr als 25 Jahren kam ein Saxophonist nach Hamburg, der sich bald als Sessionplayer in verschiedensten Genres einen Namen machen sollte: Leandro Saint Hill. Pünktlich zum Konzert beim Jazz Open Festival erscheint sein neues Album: „Cadencias“.

Ein Wohnhaus nahe der Reeperbahn, außen unscheinbarer Rotklinker. Drinnen, im dritten Stock: eine loftartig anmutende Etage mit viel Holz. Im Tonstudio German Wahnsinn werden Podcasts und Werbeclips komponiert, Sounddesigns erstellt, aber auch ganz old-School Platten aufgenommen. Bruno Mars und Anderson Paak haben hier schon an Tracks gebastelt, genauso wie ein 1968 in Kuba geborener Musiker: Leandro Saint Hill. Schon Ende 2019 sollte die Platte erscheinen, die seine Arbeit mit neuem Quartett dokumentiert. Dann erkrankte der Saxophonist schwer, und ein paar Monate später cancelte die Pandemie Releasetermine weltweit.
„Das war eine turbulente Zeit“, sagt Saint Hill, in einem Sessel neben dem riesigen Studio-Mischpult sitzend. „Und wir stecken noch drin. Aber die Sonne scheint immer stärker! Wir Menschen sind anpassungsfähig, wir schauen, was möglich ist. Und ‚Cadencias‘ ist eine gute Ausgangsposition.“

„Cadencia“ ist nicht nur eine musikalische Kadenz, das spanische Wort steht auch für „Wohlklang“, für Bewegungsarten und für Poesie. Der Albumtitel spiegelt so die vielfältigen Interessen des Mannes wider, der in den Neunziger Jahren nach Deutschland kam. In Kuba hatte er erst Geigen- dann Saxophon-Unterricht, studierte dann klassische Musik. Jazz lernte er zunächst, in dem Songs nachspielte, die er auf ausgeleierten Kassetten hörte.

An der kühlen Elbe nahm er Session-Jobs an („Ich habe selten nein gesagt“) und hatte Features auf Alben von Modern Talking, Nena und Helene Fischer. „Ich bin nicht der typische Kubaner, der ständig Sonne braucht“, sagt Saint Hill, ganz ernst. An Hamburg schätzt er die Energie, die Musikszene, seinen Freundeskreis. In seinem Quartett spielen mit Omar Rodriguez Calvo (Tingvall Trio) und Perkussionist Nené Vasquez gleich zwei Latinos, dazu Pianist Matthäus Winnitzki.

Sein Wohnort liegt an der Stadtgrenze: „Havighorst.“ Leandro Saint Hill rollt das „R“ so klangvoll, als befände sich das schleswig-holsteinische Dorf in der Karibik. Ein ähnlich angenehmes auditives Erlebnis ist es, dem Saxophonisten beim Aufzählen der Stile zuzuhören, die er mit seinem Quartett spielt: „Danzon, Habaneras, Chachacha, Rumba, Conga, Son, Timba – alle mit einer experimentellen Jazz-Farbe und afrikanischen Rhythmen.“

Saint Hills Album-Release-Konzert bei den Jazz Open am 5. September ist längst ausverkauft. Tags zuvor erscheint bereits „Cadencias“ – der Idealtypus einer Fusion verschiedener Musik-Welten. Kaum zu erkennen, was improvisiert und was komponiert ist. Gastauftritte befreundeter Musiker kommen hinzu, aufgenommen in Los Angeles, New York und der Schweiz. Prominentester Gast: der seit Jahrzehnten auch in Deutschland erfolgreiche Pianist Omar Sosa. Wie beschreibt Saint Hill selbst seine Kunst? „Entspannte Musik, lebendig, seelisch, weltoffen. Das ist Cadencias.“

Leandro Saint Hill bei Spotify.

www.leandrosainthill.de

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