©Fred Christmann

Hamburgs Jazz-Clubs von gestern bis heute: Teil 1 – Das Jazzhouse

Seit fünf Jahren gibt es im Knust wieder „Jazzhouse“-Konzerte. Damit erinnert der Club an die führende Hamburger Jazz-Location der 1960er Jahre. Autor Hans Hielscher gehörte zu den Stammgästen des von 1966 bis 1976 bestehenden Clubs.

Hamburgs Clubs sind akut bedroht. Miet-Stundungen und Zuschüsse gleichen die Verluste kaum aus, und mit reduziertem Platzangebot lassen sich keine schwarzen Zahlen schreiben. Doch eine Kulturstadt wie Hamburg braucht Live-Clubs. Nicht nur, weil sie aktuell relevante Künstler*innen einladen, auch historisch sind sie von Bedeutung. Wir stellen Jazz-Locations vor, die wichtig waren – und es hoffentlich bleiben.

Als ich im Oktober 1969 meinen Job als Redakteur beim SPIEGEL antrat, war ich glücklich über einen Hangout schräg gegenüber vom Redaktionsgebäude: Im Souterrain des Altbaus in der Brandstwiete 2 befand sich das „Jazzhouse“. Den Club hatten die aus Frankfurt stammenden Brüder Fred und Egon Christmann drei Jahre zuvor eröffnet; er wurde eine der bekanntesten Spielstätten Deutschlands. Aufgrund der Verbindungen zum NDR gastierten in dem nicht mehr als 200 Gäste fassenden Kellerlokal internationale Jazz-Größen wie der Trompeter Clark Terry, Herbie Hancock und Chick Corea. Die beiden letzteren waren freilich am Beginn ihrer Karriere und kosteten damals nur einen Bruchteil ihrer späteren Gagen.

Zu meiner Zeit bot das Jazzhouse mindestens vier Mal in der Woche Live-Musik. Es war eine Art Gegenpol zum Cotton Club, dem Spielort der Hamburg dominierenden Old Time Jazzbands. Deren Musik wurde von Fans des zeitgenössischen Jazz zuweilen als „Wichsieland“ verunglimpft. Rüpeleien unter Fans einer Musik, die damals noch keine Nischenkultur war. Ich besuchte das Jazzhouse regelmäßig nach der Arbeit in der Redaktion. In dem dunkel gestrichenen Kellerladen traf ich Michael Naura (oben abgebildet, d.Red.) und Wolfgang Luschert, die wie ich aus Ost-Berlin stammten, und regelmäßig zusammen spielten. Später führte Luschert eine Zeitlang zusammen mit seiner damalige Frau Harriet das Jazzhouse (Harriet wurde als Barfrau im Onkel Pö in der Jazzwelt berühmt; sie ist in diesem Sommer gestorben).

Wie später das Onkel Pö war das Jazzhouse auch eine Art lokale Musikerbörse. Unter den herumhängenden Gästen war Anfang der 1970er Jahre der aus dem Münsterland eingetroffene Udo Lindenberg, der als passabler Drummer Gigs suchte. Der Neue spielte ein paar Mal mit dem etablierten Michael Naura, der eines Tages angerufen wurde. Am Telefon: der bekannte Saxophonist Klaus Doldinger. Doldinger suchte für seine neue Band einen Schlagzeuger: er müsse den Beat des Rock beherrschten, aber auch in der Lage sein, swingenden Jazz zu begleiten. Naura empfahl Lindenberg. So wurde der spätere deutsche Superstar für sechs Monate Drummer bei Klaus Doldingers Passport.

Passport spielte nicht im Jazzhouse. Ansonsten aber sind dort fast alle deutschen Spitzenjazzer aufgetreten – vom Avantgardisten Manfred Schoof bis zum populären Fusion-Gitarristen Volker Kriegel. Bleibenden Eindruck hinterließ bei vielen Besuchern der Schlagzeuger Joe Nay. Der bullige Berliner war der „perfekte Einheizer“ (O-Ton Naura), er gastierte mit verschiedenen Besetzungen. Nay spielte und lebte wild, er starb 1990 bei einem Autounfall.

Zu dem Zeitpunkt war Hamburgs Jazzhouse längst Geschichte. 1976 hatte das Rock-orientierte Knust den Keller in der Brandstwiete übernommen. Der Wechsel spiegelte die Veränderung in den Musikszene wider:  Die Zahl der Jazzfans ging zurück, Rock und Pop waren die neuen Attraktionen. 2003 eröffnete das Knust in einer ehemaligen Rinderschlachthalle im Karoviertel neu. Seit ein paar Jahren gibt es dort auch wieder vermehrt Jazz zu hören: die Reihe „Jazzhouse Hamburg“ ging 2015 an den Start, mit Künstlern wie Roy Ayers und Marcus King.

Die nächsten Jazzhouse-Konzerte, je 18:00 Uhr, Open Air auf dem Knust Lattenplatz:

17. August:   JOEL SARAKULA
18. August: STEPHANIE LOTTERMOSER
01. September: RSXT

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