©Michaela Kuhn

Laudator Ingolf Burkardt: „Es war klar: Da ist was im Busch! Da kommt was!“

Am 19.01.2023 wurde der Posaunistin Lisa Stick in der Jazz Hall Hamburg der Werner Burkhardt Musikpreis 2022 verliehen. Der ist mit 7500,- Euro dotiert und wird von der Hamburgischen Kulturstiftung verliehen.

Nach den Begrüßungsworten von Geschäftsführerin Gesa Engelschall (im Bild links) war als Laudator, der Trompeter Ingolf Burkhardt(im Bild rechts) gefragt. Er kennt Lisa Stick schon seit vielen Jahren und freute sich sehr –  „als sich die erste Panik nach der Anfrage“ gelegt hatte –  über diese „riesengroße Ehre, nette Dinge über eine liebenswerte Kollegin sagen zu dürfen“.  Was er dann auf kluge und charmante Art tat.

Laudatio von Ingolf Burkhardt (weder verwandt noch verschwägert mit…)

Der NDR Bigband Musiker betonte unter anderem die gemeinsame Zeit im Landesjugendjazzorchester SchleswigHolstein, das ihn oft als Dozenten eingeladen hatte. Die Bedeutung der Jugendmusikförderung könne nicht hoch genug eingeschätzt werden – auch das ein klares und deutliches Statement des Laudators.
Schon damals, sagte Burkhard, sei ihm Lisa mit ihrer zielstrebigen Energie und Neugier aufgefallen, und nicht nur ihm war klar: „Da ist was im Busch! Da kommt ‚was!“

Weitere  Stationen für Lisa Stick waren der Schritt ins Bundesjugendjazzorchester (BuJazzO), dann zum Studium nach Hamburg und Stockholm (ERASMUS, Austauschjahr), und Jazz Baltica. Dort begann die Bekanntschaft und Freundschaft mit Nils Landgren.

Für Lisas Musik formulierte Ingolf Burkhardt sein eigenes  Bild:

„nichts Unnötiges, ruhig, viel Raum, Solos entstehen fast beiläufig aus den Themen“

Lisa drängele sich nie in den Vordergrund, wisse aber gleichzeitig als Bandleaderin ruhig und mit natürlicher Autorität die Dinge gut zusammenzuhalten.

Man müsse sich für Lisas Kompositionen eine bemalte, bedruckte Folie vorstellen, die man gegen das Licht hält: „Da ist ein Muster drauf, und dann wird – beim Hören – ein zweite Folie darüber geschoben, eine dritte, eine vierte, eine fünfte. Das Licht bleibt gleich, der Rahmen bleibt gleich, aber der Inhalt changiert die ganze Zeit, in Farben, in Mustern. Dann wird wieder eine Folie rausgenommen, oder vier weggenommen, eine bleibt liegen. So entstehen immer neue Bilder auf einer relativ offen gespielten Musik.“

In der voll besetzten Jazz Hall Hamburg gab es am Ende viel Applaus für diese Laudatio – und für eine Preisträgerin, die sich in ihren Dankesworten mehrfach die Rührung aus den Augen wischen musste, bevor sie dann „froh und unendlich dankbar“ zu ihrer Posaune greifen durfte.

Interview mit Lisa Stick

Jazz Moves hatte Lisa Stick sich vor der Preisverleihung noch Zeit für ein Interview genommen. 

Jazz Moves: Nach dem Jazz Baltica Förderpreis vor zehn Jahren jetzt der Werner Burkhardt Musikpreis ! Schönes Gefühl?

Lisa Stick: Voll! Das ist total gut und ein Riesenglück! Ich bin aufgeregt vor heute Abend, denn es fühlt sich ein bisschen an wie ein Diplomkonzert. Alle sind zwar wohlwollend, aber man steht doch plötzlich ganz anders im Mittelpunkt. Und ich bin auch sehr gerührt…

Jazz Moves: Du wirst heute Abend mit Deinem »Lisa Stick 7tett« spielen. Das sind Streicher dabei – wie kam es dazu?

Lisa Stick: Das gab’s mal im Jazzlab. Die haben eine Sommersause gemacht und Leute eingeladen mit der Idee Etwas zu tun, was sie noch nie gemacht haben. Da habe ich mir Streicher eingeladen. Ich finde nämlich, da gibt es Möglichkeiten die wir noch gar nicht ausgeschöpft haben!

Jazz Moves: Du bist Posaunistin. Warum dieses Instrument?

Lisa Stick: Das kann ich gar nicht so sagen. Ich habe drei ältere Geschwister, die alle auch ein Instrument spielen und ich wollte was machen, was die nicht können. Es gab an der Schule eine Blechbläser AG und dann habe ich damit angefangen. Bei mir ist das eher so gewachsen. Außerdem darf man als Posaune schnell irgendwo mitspielen, weil es so wenige gibt!

Jazz Moves: Du stammst aus Kiel, hast in Hamburg und in Stockholm studiert. Steht Dir Jazz aus Skandinavien, diese Stilistik besonders nahe?

Lisa Stick: Ja, voll! Ich habe früher viel E.S.T. gehört, war oft bei Jazz Baltica. Ich mag es gerne so ruhig und es gibt darin mehr Weite. Die Musik erinnert mich an die Landschaft, da würde ich gerne mal wieder hin.

Jazz Moves: Wie erlebst Du denn die Jazzszene Hamburg? Ist Hamburg eine Jazzstadt?

Lisa Stick: Ja, ich find schon! In den letzten Jahren war ich zwar superwenig unterwegs, klar, aber früher war ich jede Woche mindestens einmal auf einem Konzert, montags immer im Hafenbahnhof zum Beispiel. Manchmal hat man zwar den Eindruck, dass es eine kleine Welt ist, aber dann bin ich doch überrascht, wie viel es gibt! Und das Jazzprogramm der Hochschule trägt viel dazu bei: Der Dr. Langner Jazzmaster zum Beispiel zieht viele internationale Leute nach Hamburg, und die Szene hat sich in den letzten Jahren total verändert!

Jazz Moves: Du hast, vor der Pandemie, auch größere Tourneen gemacht. Erinnerst Du Dich an besondere Auftritte? Du warst zum Beispiel mit dem German Women’s Jazz Orchestra im Nahen Osten…

Lisa Stick: Das war natürlich total krass, gerade im Nachhinein. Das Musikalische spielte dabei gar nicht so sehr die Rolle. Wir haben zum Beispiel in Gaza gespielt. Das waren krasse Eindrücke, und es war ein Privileg, dort zu spielen. Wir waren auch im kurdischen Teil des Iraks und in Jordanien. Das war durch die kulturellen Eindrücke etwas ganz Besonderes! Musikalisch muss ich sagen, gab es einige unvergessene Auftritte mit der NDR Bigband. Zum Beispiel als wir mit Al Jarreau in Paris waren! Es gab auch ein tolles Projekt mit Geir Lysne, die Iceland Visions, mit isländischen Musiker:innen. Da war unter anderem Helge Andreas Norbakken dabei, ein norwegischer Schlagzeuger, der ein selbst zusammengebautes Drumset spielt, unter anderem mit Felgen. Deshalb sein Spitzname: „Helge Felge“.

Jazz Moves: Hast du eine Lieblingsformation?

Lisa Stick:  Mein Traum wäre eine Workingband, wo man sich jedes Wochenende trifft, das wäre so ein Traum. Das fände ich schon mega cool…

Jazz Moves: Wie komponierst Du denn am liebsten? Hast Du einen Ort, der Dich besonders inspiriert?

Lisa Stick: Das ist eine interessante Frage! Ich habe festgestellt, dass es bei mir um Input geht. Wenn ich unterwegs bin und neue Eindrücke habe, auf Festivals zum Beispiel, mit anderen Musiker:innen, das inspiriert mich! Dann bin ich auch viel am Klavier, an der Hochschule, zum Glück kommt das Klavier jetzt auch bald nachhause. Spazieren gehen ist zwar gut, aber im Grunde habe ich kein so festes Ritual, und das stille Kämmerlein ist jetzt nicht so meins!

Jazz Moves: Vor zehn Monaten bist Du nochmal Mutter geworden. Was machst du heute Abend mit Deinen Kids?

Lisa Stick: Mein Mann bleibt heute Abend zu Hause und wir hoffen, dass es gut klappt.

Jazz Moves: Lisa, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

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