©Gjorgi Vacev

Der Gitarrist Filip Dinev – Im Hier und Jetzt

Seit einem Jahr wohnt Filip Dinev in Hamburg. Nun veröffentlicht er sein Debütalbum “Szvetlo”, das gleichermaßen reif, ambitioniert und erhaben klingt. Matti Kaiser sprach mit dem Gitarristen über seine musikalische Früherziehung, den Einfluss Budapests und sein Leben im Hier und Jetzt.

Draußen pulsiert das Leben, drinnen bleibt die Zeit stehen, für die Länge eines Songs. Sanft drängt das Schlagzeug, wartet auf den Einsatz der Gitarre und wird mit dem Kontrabass schließlich zu einer pulsierenden Einheit, die die Grenze zwischen Raum und Zeit verschwimmen lässt. Alles, was für den Moment im Vordergrund steht, ist die Komposition und das Zusammenspiel der Instrumente. Jazz, Gipsy und Blues bilden das Fundament für die metallisch-verhallten Klangräume, durch die sich Gitarrist Filip Dinev mit sanft-fluiden Melodiebögen hindurchwindet. Das distinktive Spiel des internationalen Trios, bestehend aus dem französischen Schlagzeuger Pierre Martin und dem ungarischen Bassisten Dani Arday, ergänzt und fordert ihn dabei in jeder Sekunde.

Filip Dinev wächst in einem kleinen Dorf  im Süden Mazedoniens auf, wenige Kilometer von der griechischen Grenze entfernt. Vater und Bruder sind Musiker, das hauseigene Studio steht voller Instrumente. „Ich war 13, als ich auf der Gitarre anfing. Es gab einfach nicht viel zu tun, deswegen habe ich in Bands gespielt und mich mit den Grundlagen von Musikproduktion befasst. Musik hat sich für mich natürlich angefühlt“, sagt Dinev. Nach der Schule beginnt er ein Ingenieurstudium, merkt jedoch schnell, dass seine wahre Leidenschaft woanders liegt. „Mein Problem war: ich war wirklich schlecht darin, Sachen nachzuspielen und musste improvisieren. Und wenn du improvisieren willst, landest du zwangsläufig beim Jazz.“

Es folgen Lehr- und Wanderjahre. In der Provinzstadt Štip, die über eine der zwei Musikhochschulen Mazedoniens verfügt, beginnt er sein Musikstudium. Die Jazz-Szene Mazedoniens ist klein, Dinev will mehr. Er begibt sich für einen einjährigen Aufenthalt nach Budapest – die Stadt prägt ihn bis heute. Ihr widmet er einen Titel seines Debütalbums. „Budapest ist eine Stadt mit einer unglaublichen Musikhistorie, nicht nur Franz Liszt und Béla Bartók. Das trägt zum Vibe der Stadt bei. Jeden Tag gibt es irgendwo Konzerte, die umsonst sind oder kleine Clubs, die offene Sessions anbieten.“ In der ungarischen Hauptstadt trifft Dinev auch auf seine heutige Band. Schlagzeuger Pierre Martin und Bassist Dani Arday treten genau in dem Moment in das Leben des jungen Gitarristen, als der seine ersten Songskizzen zu Papier bringt.

Eine aufreibende Zeit steht bevor, geprägt vom Pendeln zwischen Ländergrenzen, Umzügen und Proben. Dinev beendet das Kapitel Budapest und packt seine Koffer für die nächste Station: Hamburg. Dort bekommt er eine Zusage für einen Jazz-Masterplatz an der Hochschule für Musik und Theater. Die Songs für das Album stehen schon fest. „Ich habe nicht extra dafür geschrieben. Einige Stücke sind während meines Aufenthalts in Budapest entstanden, einige waren Skizzen. Im Zusammenspiel mit meinem Trio habe ich gemerkt, wie sich daraus wirklich Songs entwickelt haben.

Noch vor Umzug nach Hamburg finden im Heimatdorf des jungen Mazedoniers die Aufnahmen für das Album statt. Auf der Suche nach einem passenden Ort für die Session durchkämmt Dinev sein Heimatdorf. Er spaziert zu verschiedenen Schauplätzen seiner Kindheit und prüft mit lautem Klatschen, ob die Räume seinen Klangvorstellungen gerecht werden. Der Ort für den er sich am Schluss entscheidet ist ihm bestens vertraut. Ein kleines Theater, das bis zum Zerfall Jugoslawiens wichtiger Bestandteil im Dorfleben war. Heute steht es weitgehend leer und zerfällt. „Ich wusste, was ich haben wollte: einen offenen, organischen Sound, der von Natur aus gut klingt – das Gegenteil eines klassischen Studiosounds. Für diese Aufnahme war das alte Theater genau richtig.” Innerhalb kurzer Zeit stellt Dinev mit Freunden die Albumproduktion auf die Beine. Dabei beschäftigen sich der Leader und seine Mitmusiker bewusst mit den Grenzen, die ihnen der ungewöhnliche Aufnahmeort präsentiert.

Effekte sind quasi nicht hörbar, es zählt der reine, analoge Ton. Der natürliche Klang des leeren Saales setzt auch hinsichtlich der Produktionsweise Grenzen – eine nachträgliche, digitale Bearbeitung ist nicht möglich. Doch Dinev, Arday und Martin sind zufrieden mit dem Ergebnis. Das Album ist im Kasten und besticht durch einen eigenständigen Sound.
Der nonchalante “Balkan Blues”, die melancholische Momentaufnahme “Budapest” oder das drängende “Drum or Bass” zeugen gleichermaßen von kompositorischer Stärke und raffiniertem Spiel des jungen Trios, das nur darauf wartet, mit dem neuen Material auf Tour zu gehen.

Dann kommt Corona. Die Pandemie trifft auch den jungen Gitarristen unerwartet. Die Planung für den Release kommt beinahe zum Stillstand und Dinev nutzt die Zeit, um, wie er seufzend erzählt, „die Dinge zu machen, die man wahrscheinlich einmal im Musikerleben selber gemacht haben muss. Website, Grafiken und E-Mails. Viele, viele E-Mails.“  Das Album bringt Dinev ohne die Unterstützung eines Labels oder einer PR-Agentur heraus. „Es ist der harte Weg. Aber wenn Du alles irgendwie selber schaffst“, so Dinev, „warum es dann nicht alleine machen?“

Je nach Entwicklung der Pandemie möchte Filip Dinev mit seinem Trio auf Tour gehen. Auftritte beim Copenhagen Jazz Festival wurden in das nächste Jahr verschoben, eine internationale Tour ist in Planung. Die Unsicherheit bleibt.
„Wir müssen uns daran gewöhnen, dass nichts so sein wird, wie wir es planen. Ich möchte aber im Hier und Jetzt sein, sowohl spielerisch als auch persönlich. Das bedeutet auch, sich immer wieder aus der eigenen Komfortzone heraus zu begeben.“

Improvisation, die Freude an der Unplanbarkeit und natürliche Grenzen als kreativer Ausgangspunkt – dies erklärt Filip Dinev zusammen mit Drummer Dani Arday und Bassist Pierre Martin auf seinem Debütalbum eindrucksvoll zu seinem persönlichen Credo.

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