©Luise Hamm

“How About Now”? Die Klarinettistin Samantha Wright veröffentlicht ihr Debüt

Schon Mozart befand, dass die Klarinette der menschlichen Stimme am nächsten kommt. Samantha Wright beschäftigt sich seit vielen Jahren mit verschiedenen Facetten dieses Instruments, sowohl theoretisch als auch spielerisch. Auf ihrem Debütalbum “How About Now” beweist die Wahlhamburgerin mit ihrem Quartett, wie modern und aufregend eine musikalische Annäherung an historische Vorbilder gelingen kann. Matti Kaiser sprach mit Samantha über ihren Werdegang, was der Brexit für Künstler*innen bedeutet und über den Aufnahmeprozess in den Clouds Hill Studios in HH-Rothenburgsort.

Samantha, wo bist du aufgewachsen?
In Oldham, einem Vorort von Manchester. Während der Industriellen Revolution war es eine “Boomtown”, heute eine der benachteiligsten Städte in Großbritannien. Es gibt dort aber tolle Musikschulen. Für alles darüber hinaus musste ich dann nach Manchester, das seit Jahrzehnten für seine pulsierende Musikszene bekannt ist.

Wann ging es mit dir und der Klarinette los?
Ich habe früh angefangen, klassisch zu spielen. Durch ein Preisgeld ergab sich die Möglichkeit, ein Jungstudium zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht sicher, ob ich weiterhin bei der klassischen Klarinette bleibe oder doch zum Jazz wechseln möchte. Nach dem Jungstudium habe ich mich dann an verschiedenen Hochschulen beworben und wurde in Birmingham für Jazz Klarinette angenommen.

Bei Birmingham muss ich direkt an Black Sabbath denken. Fernab davon, wie hast Du die Jazz-Szene dort wahrgenommen?
Ozzy Osbourne hat einen Stern auf einem Bürgersteig in der Stadt, das ist schon verrückt. Die Szene in Birmingham besteht hauptsächlich aus Studenten. Jeden Abend gibt es irgendwo eine Session, an der man teilnehmen kann. Im Gegensatz zu Hamburg gibt es jedoch keine vergleichbare öffentliche Förderung, was man der Szene stark anmerkt. Das Gute daran: vieles wird nur aus Überzeugung und Liebe zur Musik initiiert.

Und nun bist du in Hamburg gelandet. Wie kam es dazu?
Ich könnte sagen, dass ich mein Deutsch verbessern wollte. Das entspricht jedoch nicht ganz der Wahrheit. Mein Deutsch ist nach wie vor schrecklich! Mir haben viele Leute erzählt, dass es in Hamburg eine gute Szene gibt und gute Lehrer*innen. Dazu kam die Möglichkeit, dass der Austausch über das ERASMUS-Programm finanziert werden kann. Und Hamburg klang für mich nach einer spannenden Stadt.

Ich wollte es vermeiden, aber jetzt sind wir doch beim Thema Brexit. Eine Teilnahme an einem EU-Austausch wäre heute nicht mehr möglich. Du wohnst seit einigen Jahren nicht mehr in England. Wie fühlt sich der Brexit aus deiner Perspektive an?
Danach fragt mich wirklich fast alle. Es ist noch immer ein Schock. Ich habe während des Referendums in Birmingham studiert und in meiner Musiker*innen-Blase waren alle gegen den Brexit. Alles andere wäre für meine Berufsgruppe auch kontraproduktiv. In England haben viele nicht verstanden, wie wichtig es ist, dass Menschen aus anderen Ländern und Kulturen zu uns kommen und wir zu ihnen. Das ist das, was mich an britischer Politik wahnsinnig nervt. Es geht nicht um das Wohl und eine Perspektive für die Allgemeinheit. Ich hoffe einfach, dass zumindestens das Thema Touren von Künstler*innen aus England in der EU und andersherum möglich sein wird. Ansonsten wird es ein Desaster!

Scheinbar beschäftigt dich das. Auf deinem neuen Album hast du sogar einen Song darüber geschrieben, der sich dem Thema humorvoll annähert. Was ist die Geschichte hinter “Mr. Speaker”?
In dem Lied geht es um den Speaker im House of Commons, der die Debatten leitet und bestimmt, welcher Abgeordnete sprechen darf. Ich mag die Diskussionen dort überhaupt nicht, der Ton ist meist eher destruktiv. Doch jedes Mal, wenn ich Mr. Speaker gesehen und darüber gelesen habe, wie er Situationen im House of Commons kommentiert, dann musste ich trotz aller Ernsthaftigkeit lachen. Er hat Licht in diese Tristesse gebracht. Das findet sich auch im Song wieder.

Der Song ist auf “How About Now” zu finden – deinem Debütalbum. Es klingt sehr warm und traditionell. Wie ist es zu den Aufnahmen gekommen?
Wir haben als Quartett bereits viel zusammen gespielt und es war an der Zeit, ein Album aufzunehmen. Ich war mir nicht sicher, ob das Material wirklich gut genug ist. Unser Bassist Tilman Oberbeck hat aber genug Druck gemacht, damit wir beginnen. Wir haben im Clouds Hill Studio auf Tape aufgenommen, was mir sehr liegt. Ich mag diesen rohen und ungeschönten Charakter – eben “old school”. Wir waren dann drei Tage im Studio und haben einfach nur die Musik gelebt. Aufstehen, frühstücken und aufnehmen. Das war wahnsinnig toll.

Live bei Hamburg Stream am 23.05.: hamburg.stream/samantha-wright/
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Das Debütalbum von Samantha Wright erscheint am 01.06.21:
samanthawright.bandcamp.com/

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