©Gerhard Richter

Schlagzeuger für die großen Fragen – Dirk Achim Dhonau

Dirk Achim Dhonau erhält den Hamburger Jazzpreis 2023 , den ihm das Jazzbüro Hamburg beim kommenden Elbjazz Festival überreichen wird. Wir haben Stefan Hentz – 2019  mit dem Preis des Deutschen Jazzjournalismus ausgezeichnet – gebeten den Preisträger Dirk Achim Dhonau zu würdigen. 

„Das ist ein Philosoph“, kommentierte ein Schlagzeugschüler nach seiner ersten Stunde bei Dirk Achim Dhonau. Es war im Unterricht offenbar weniger um technische oder stilistische Fragen gegangen, weniger darum, wie man Hände und Füße koordiniert oder so zu spielen hat, dass es ordentlich rockt und knallt oder swingt und raschelt, sondern eher um Grundsätzliches, um Sound und Zeit, Bewegung und Dramaturgie, um die kleinen Dinge, die die große Wirkung prägen. Der Schüler fand das faszinierend. Dhonau ist tatsächlich ein außergewöhnlicher Schlagzeuger, einer, der mit großer Selbstverständlichkeit eine enorm reichhaltige stilistische Palette zwischen Groove und Swing, Stringenz und Ausdrucksfreiheit nutzt, dabei seinen persönlichen Fingerabdruck hinterlässt und verlässlich das große Ganze im Fokus behält. Und der nun endlich auch in Hamburg, der Stadt in der er seit langem lebt und arbeitet, die Anerkennung erfährt, die ihm gebührt:  Am Montag, 24.April 2023, gab das Jazzbüro Hamburg bekannt, dass der Hamburger Jazzpreis 2023 an Dirk Achim Dhonau verliehen wird.

Raus aus dem Mainstream

1960 in Duisburg geboren, hatte Dhonau in seiner Jugend in diversen Bands Klarinette und Schlagzeug in gespielt und sich im Umfeld von Rock, Jazz und Fusion als ein sensibler und ausgesprochen spielfreudiger Schlagzeuger gezeigt. In Hamburg studierte er zunächst klassisches Schlagwerk und anschließend Jazz, später beschäftigte er sich eingehend mit seiner Stimme beschäftigt, die er noch heute als Hilfsmittel beim Erarbeiten musikalischer Ideen nutzt oder auch zur gelegentlichen Mitwirkung an Aufführungen von barocker Chormusik. Eine Zeit lang nahm er Schauspielunterricht, weil ihn auch das Zusammenspiel seiner Musik mit Worten und der Visualität des körperlichen Spiels brennend interessiert. Mit solch weit gestreuten Interessen war es nur eine Frage der Zeit, dass er sich über das Umfeld der Musikhochschule und die enge Welt des Mainstream hinaus weitere Spielmöglichkeiten im weiten Feld zwischen Jazz und Fusion, Rock und Groove, Noise und experimenteller Improvisation erschließen musste.

Jazz „made in Hamburg“

Nebenher gehörte Dhonau zu den Gründern der Initiative „Jazzhaus Hamburg“, die nach Kölner Vorbild den Aufbau einer zentralen Spielstätte für Live-Jazz In der Hansestadt anstrebte und schon bald neben der Jazz-Bar Dennis’ Swing Club und der Improviser-Initiative „Tonart“ zu den drei Quellflüssen des Jazzbüro Hamburg zählte. In dieser Zeit, als vor allem das Verhältnis zwischen den Vertretern von Jazzhaus und Tonart sehr spannungsgeladen war, war Dirk Achim Dhonau einer der wenigen, die auf beiden Seiten des Grabens zwischen Tradition und Experiment geachtet waren, ein Musiker, der unumstritten über alle technischen Fertigkeiten verfügte, traditionsgebundenen Jazz zu spielen und zugleich über die Neugier und den Drang, im Spiel in noch unerforschte Klangwelten vorzudringen.

Feinsinnig, vielseitig und geachtet

Ohne dass er je versucht hätte, seine Person in den Vordergrund zu drängen, ist Dirk Achim Dhonau ein Musiker, der sehr viel zum Gedeihen und künstlerischen Wachstum des Jazz Made in Hamburg beigetragen hat. Bis heute gibt es kaum einen Musiker, mit dem er nicht irgendwann zusammen auf der Bühne gestanden hätte, und genau in diesen Begegnungen zeigt sich seine Wirkung am eindrucksvollsten. Dhonau kommt in den Proberaum, ins Studio, auf die Bühne, er ist bestens vorbereitet, er ist konzentriert und da, mit jeder Faser, ein Musiker ganz bei sich: in seiner Musik geht er auf. Und die Präsenz, Souveränität, Sicherheit, die er ausstrahlt, springt bruchlos über auf die Partnerinnen, mit denen er spielt, macht auch sie frei für den Moment und die Interaktion, die sich zwischen ihnen ergibt. Und so lange Dirk Achim Dhonau schon zu den zentralen Persönlichkeiten der Hamburger Musikszene zählt, so erlebt er derzeit eine besonders produktive Phase, in der sich vielen Facetten seiner künstlerischen Welt ineinandergreifen und sich gegenseitig bestärken. Besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf die beiden jüngsten Projekte in seinem Portfolio, ein furioses Trio mit dem Saxofonisten Gabriel Coburger und dem finnischen Wahlberliner Kalle Kalima an der Gitarre, sowie das Dirk Dhonau Quartett, ein klassisches, akustisches Jazzquartett mit der Saxofonistin und Flötistin Anna-Lena Schnabel, dem Kontrabassisten Tilman Oberbeck und dem Pianisten Lukas Klapp, dessen feinsinnige Improvisationsmusik in weiten Teilen Dhonaus eigene Kompositionen als Ausgangsbasis nutzt, um gemeinsam in dem weiten Feld zwischen Stream of Consciousness und swingender Stringenz, Sound und Rhythmus, Kontrast und Drama neue musikalische Welten zu erschließen, schillernd von Farben und Nuancen, reich an Fantasie und Ausdruck.

Ein Musiker, der alle Tugenden seines Fachs verkörpert

An diese Hochphase knüpft nun auch die Verleihung des Hamburger Jazzpreises an, mit der die Jury wieder zu der Stiftungsidentität zurückkehrt, so etwas wie eine über viele Jahre und Stationen dokumentierte Lebensleistung zum Wohl der Hamburger Jazzszene zu honorieren. Dirk Achim Dhonau ist dafür ein herausragendes Beispiel, ein Musiker, der alle Tugenden seines Faches verkörpert und mit seiner Musik die grundsätzlichen Fragen stellt: ein Philosoph am Schlagzeug.

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